EINLEITUNG Teil 1

Die Lebensstationen Dr. Johanna Budwigs

Skizze der wichtigsten Stationen im fast ein Jahrhundert umspannenden Leben von Dr. Johanna Budwig

Aufgewachsen ist Johanna Budwig (* 1908) im zwischen Düsseldorf und Duisburg gelegenen Kaiserswerth. In der dortigen Diakonissenanstalt wurde die Halbwaise im christlichen Sinne erzogen und durchlief ihre schulische Ausbildung bis zum Abitur. Danach beschließt sie, ihrem tiefen Glauben und ihrem Drang zum Dienst am Mitmenschen auch Dr. Johanna Budwigweiterhin einen großen Platz in ihrem Leben einzuräumen und wird Diakonisse. Die Diakonissenanstalt Kaiserswerth war schon damals eine große Einrichtung mit angegliedertem Waisenhaus, Ausbildungsstätten für Kinder und auch für Diakonissen und einem Schwerpunkt in Krankenpflege. Um sich auf den Einsatz im Krankenpflegebereich vorzubereiten, beschließt Johanna Budwig, ein Studium der Pharmazie zu absolvieren.

Dieses beginnt sie mit einem damals vorgeschriebenen "Ostsemester" in Königsberg, um sich anschließend in Münster dem eigentlichen Hauptstudium zu widmen. Dort schreibt sie sich in der philosophischen und naturwissenschaftlichen Fakultät in die Studienfächer Physik, Chemie, Medizin, Biologie, Botanik ein. Sie promoviert im Fach Physik bei Prof. Dr. Hans-Paul Kaufmann, bei dem sie auch eine Assistentenstelle inne hat. Kaufmann, den man in Fachkreisen auch den "Fettpapst" nannte, ist zu dieser Zeit in Deutschland der Experte auf dem Gebiet der Fettchemie und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Fettforschung, Münster.

Nachdem Dr. Budwig auch das Staatsexamen in Pharmazie und ihr Diplom im Fach Chemie erfolgreich absolviert hat, geht sie 1939 zurück zur Diakonissenanstalt in Kaiserswerth. Dort übernimmt sie die Leitung der Anstaltsapotheke, welche für die pharmazeutische Versorgung von 5000 Menschen zuständig ist. Der Krieg hat inzwischen begonnen und die Nazis beschlagnahmen einige Häuser der Anstalt, um in ihnen ein Reservelazarett mit 1000 Betten einzurichten. Auch dieses Lazarett fällt damit in den jetzt noch größer werdenden Verantwortungsbereich Dr. Budwigs.

1948 zieht es sie zurück in das Bundesinstitut für Fettforschung in Münster, um dort zusammen mit Prof. Kaufmann wieder ihre Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Fettchemie aufzunehmen. Sie erhält ein eigenes Forschungslabor im Keller des Privathauses von Prof. Kaufmann und beschäftigt sich intensiv mit der Suche nach Möglichkeiten, unterschiedliche Fettsäuren zu trennen und deren Zusammensetzung zu analysieren.

Bereits 1950 kann sie zusammen mit Kaufmann auf dem Münchner Fettforscherkongress erste Ergebnisse vorstellen, welche im gleichen Jahr unter dem Titel: "Neue Wege der Fettanalyse" in der Fachzeitschrift "Fette und Seifen" veröffentlicht werden. In akribischer Kleinarbeit gelingt es ihr in der Folgezeit, das neue Verfahren der Papierchromatographie systematisch so zu verfeinern, dass selbst kleinste Fettmengen - z. B. aus einem frisch entnommenen Blutstropfen - auf die enthaltenen Anteile der verschiedenen Fettsäuren untersucht werden können. Diese Art des Messverfahrens war eine geradezu revolutionäre Neuerung auf dem Feld der Fettchemie, ermöglichte sie doch erstmals, auch den Grad der Ungesättigtheit einer Fettsäure zu bestimmen und damit auch die Anziehungskraft derselben auf Sauerstoff. Dass dies auch einen wesentlichen Einfluss auf die zellinternen Atmungsvorgänge im Organismus haben musste, lag auf der Hand.

Mit diesem neuen Analyseverfahren konnte nun auch das Leinöl als bedeutendste Quelle hochungesättigter Fettsäuren sehr schnell identifiziert werden und nahm nunmehr in der weiteren Forschungsarbeit Dr. Budwigs eine herausragende Stellung ein. Auch ließen sich durch die neuen Analysemethoden die verheerenden Auswirkungen der Erhitzung und anderer chemischer Eingriffe, z. B. bei der Fetthärtung im Prozess der Margarineherstellung, auf die so lebensnotwendigen, ungesättigten Fettsäuren erstmals feststellen.

Ab 1951 ist sie Obergutachterin für Arzneimittel und Fette im staatlichen Gesundheitsamt, aber auch weiterhin in der Forschung tätig. Über ein Jahr lang untersucht sie nun mit Hilfe der Papierchromatographie tausende Blutproben von Patienten aus 4 verschiedenen Kliniken in Münster. Bei diesen Untersuchungen stellt sich heraus, dass sich die Zusammensetzung des Blutes krebskranker Patienten sofort normalisierte, wenn man 2- oder auch 3-fach ungesättigte Fettsäuren hinzufügte. Das funktionierte sowohl unter Laborbedingungen, als auch durch die Zufuhr dieser Fettsäuren über die Nahrung. Die normale Fähigkeit des Blutes, ausreichende Mengen an Sauerstoff zu transportieren, ließ sich auf diese Weise sehr leicht wieder herstellen. Damit war nun endlich der 2. Stoff entdeckt, der neben bestimmten Eiweißen für die Speicherung und den Transport der Energie (Elektronen) im Organismus von ausschlaggebender Bedeutung war. Die schwefelhaltigen Eiweiße waren bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts als der eine Paarling in diesem System identifiziert. Seit 1911 (Thunberg) suchte man nun fieberhaft nach dem erforderlichen Reaktionspartner, war aber auf Grund der noch fehlenden, später von Dr. Budwig entwickelten Analysemethoden, nicht in der Lage, diesen Stoff zu isolieren und zu identifizieren. Der Lösung dieses Problems am nächsten kam der Nobelpreisträger Otto Warburg, als er diese gesuchte Substanz in der Gruppe der Fette vermutete. Seine Versuche schlugen allerdings fehl, da er mit elektrisch neutralen, gesättigten Fettsäuren experimentierte.

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